Nimm Deine Körperform an wie sie ist.

Was ein Mops und ein Windhund mit dem Traum von einem idealen Körper und dem Wunschgewicht zu tun haben.

Wenn ich mit Frauen spreche, die unzufrieden mit ihrer Figur sind und danach frage, wie sie gerne aussehen würden, erzählen sie mir häufig von Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, die einen ganz bestimmten Körpertypus haben: schlank, muskulös, groß.

 

Ich selbst habe Jahre damit zu gebracht, danach zu streben, einem solchen Frauentypus ähnlich zu sehen. Ich verehre beispielsweise Kate Winslet. Sie gehört für mich zu den schönsten Frauen, die es gibt. Ich musste schmerzhaft verstehen, dass ich diesem Frauentypus vermutlich nie ähnlich sehen werde, wenn ich mich nicht vollkommen seelisch und körperlich verkrüppeln möchte. Irgendwann war es einfach klar, dass die Körperform, die ich habe, aus ganz bestimmten Gründen meine Körperform ist. Und dass meine Versuche, Kate Winslet ähnlich zu werden, dem Versuch gleicht, aus einem Mops einen Windhund zu machen.

Bitte versteht mich nicht falsch, ich möchte hier nicht zugrunde legen, dass es so wie bei den Hunden Menschenrassen gebe, die bestimmte festgelegte Merkmale haben, die unverrückbar sind. Das ist defnitiv nicht der Fall. Es gibt keine Menschenrassen.
Doch es gibt eine Parallele: wir haben alle unsere jeweiligen, extrem individuellen genetischen Grundausstattungen, mit denen wir in die Welt kommen. Die Wissenschaft geht heute davon aus, dass sich unsere Persönlichkeit und unsere körperliche Verfassung aus der Wechselwirkung zwischen den Genen und den äußeren Umgebungsbedingungen (Familiengeschichte, soziales Umfeld, Kultur, Schadstoffe, Ernährung, Bewegungsverhalten, Schlafrhythmus etc.) entwickelt. Das bedeutet, dass die Ausprägung bestimmter körperlicher und psycho-physiologischer Merkmale in einem bestimmten Rahmen vorgegeben ist. Das bedeutet gleichzeitig, dass diese Ausprägung durchaus veränderbar ist. Aber eben nur innerhalb bestimmter Grenzen. Und das ist die Parallele zu den Hunderassen. Ein Mops kann mehr oder weniger schnell laufen, er kann körperlich trainiert und gesund ernährt schlank sein, trotz Zucht-bedingter körperlicher Einschränkungen vergleichsweise gesund sein und alt werden. Er wird aber nie so schnell laufen können wie ein Windhund. Und er wird nie so elegant wirken wie ein Windhund. Andersherum wird der dickste und ungesündeste Windhund vermutlich immer noch sehr viel schneller laufen als der gesündeste Mops. Und er wird immer eine elegante, würdige Ausstrahlung haben.

In der Fitness- und Wellness-Gemeinde wird oft so getan, als sei die Körperform etwas, was wir uns willkürlich aussuchen könnten, wenn wir nur hart genug daran arbeiten. Irreführend sind dann immer wieder Geschichten von einzelnen Frauen, die sehr hart gearbeitet haben und die es vermeintlich geschafft haben, ihre Körperform zu ändern. Wir sehen aber häufig nicht, welchen Preis diese Frauen dafür zahlen mussten. Viele von diesen vermeintlichen Erfolgsgeschichten wandeln sich ein paar Jahre später in tiefgründige Geschichten der Selbsterkenntnis und Selbstakzeptanz, weil auch diese Frauen erkennen mussten, dass sie ihre Körperform nicht nach Belieben, sondern nur zu einem sehr hohen Preis (Essstörungen, Operationen) und nicht dauerhaft verändern konnten (Jojo-Effekt, langfristig weitere Gewichtszunahme, aktuelles Beispiel: Sophia Thiel) . Spätestens seit der Film “Embrace” existiert, sollten das alle verstanden haben (https://bodyimagemovement.com/embrace/embracethedocumentary/).

Noch irritierender sind natürlich Geschichten von “Windhund-Frauen”, die uns “Mops-Frauen” erzählen, wie sie ihren Winterspeck erfolgreich los geworden sind. Aber das ist ein eigenes Kapitel.

Aus meiner psychotherapeutischen Praxis sind mir etliche Fälle bekannt, in denen aus dem Wunsch nach einer vermeintlich gesünderen, schlankeren Körperform zunächst eine Anorexie (Magersucht) und später eine Bulimie (Ess-Brech-Sucht) oder Binge Eating Disorder (Ess-Sucht) wurde. Insbesondere Personen, die sich in eine Binge Eating Disorder gearbeitet hatten, entschlossen sich später dazu, ihren Magen operieren zu lassen. D.h. sie legten sich freiwillig unter das Messer, ließen sich ein im Grunde gesundes Organ kaputt schneiden, mit unabsehbaren Folgen und lebenslangen Risiken. Frau muss sehr verzweifelt und krank sein, um diesen Schritt zu gehen. Zu Beginn einer solchen Übergewichtskarriere stand in der Regel der Wunsch, die eigene Körperform in Richtung schlank zu verändern.

Die Tragik ist also allzu häufig, dass der Versuch, sich selbst als Mops zum Windhund zu machen, darin endet, ein dicker oder mindestens ein sehr kranker Mops zu sein.

Meine Schlussfolgerung: Versuchen wir doch, unser Mops-Sein zu akzeptieren (ich weiß es ist schwierig!) und dafür zu sorgen, dass wir ein gesunder, sportlicher und glücklicher Mops sind!

Das können wir erreichen, in dem wir die Bedingungen verbessern, unter denen wir leben. Gesunde (zuckerarme) Ernährung, moderater und den individuellen Grenzen angepasster Sport, wenig Stress, Zufriedenheit im Leben und die Behandlung von Krankheiten (Lipödem, Schilddrüsen-Entzündungen, Lymphödeme, Hormonungleichgewicht u.a.) – all das kann es uns ermöglichen. 

Und wer weiß? Vielleicht stellt sich dann heraus, dass wir in Wirklichkeit kein Mops, sondern ein ziemlich drahtiger Jack-Russel-Terrier sind.

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