Body Positivity versus Body Neutrality – was denn jetzt?

Was bedeutet Body Positivity und was bedeutet Body Neutrality? Und schließen sich die beiden gegenseitig aus?

Es ist wunderbar. Konzepte der kognitiven Verhaltenstherapie sind in der Internet-Community und damit in der Öffentlichkeit angekommen.

In den letzten Jahren geistern Begriffe durch die Internet-Foren und -Videos, die ich als hilfreiche Antwort auf problematische Grundannahmen verstehe:
„Body Positivity“ und „Body Neutrality“.

 

Über Grundannahmen und Glaubenssätze

Unter Grundannahmen verstehen wir in der kognitiven Verhaltenstherapie Sätze, die auf eine sehr grundlegende Art und Weise unser Verständnis von der Welt, von den anderen Menschen oder von uns selbst, beschreiben. Diese Sätze haben wir als subjektive Wahrheit verinnerlicht. Ein Beispiel für eine Grundannahme über die physikalische Welt ist: „Gegenstände fallen immer nach unten.“ Damit beschreiben wir eine Regel über das Verhalten von Gegenständen in unserer Welt, in der die Schwerkraft wirkt. Diese Grundannahme haben wir entwickelt, weil wir mehrere tausend Male in unserer frühen Kindheit die Beobachtung machen konnten, dass Gegenstände sich immer in Richtung Boden bewegen, wenn wir sie los lassen. Diese Erfahrung hat sich uns eingeprägt und ist auf diese Weise Teil unserer Innenwelt geworden.

Wir entwickeln solche Grundannahmen auch über uns selbst oder über unsere Mitmenschen, wenn wir wiederkehrende Erfahrungen machen, die einem ähnlichen Muster folgen. Da unsere wichtigsten Bezugspersonen in unserer Kindheit (meistens die Eltern, Geschwister, Großeltern) eine Persönlichkeit haben, in deren Rahmen sie wiederkehrende Verhaltensmuster zeigen, machen wir zwingend wiederkehrende Erfahrungen mit dem Umgang unserer Bezugspersonen mit sich selbst, mit uns und mit anderen. Diese Erfahrungen prägen sich uns ein und werden zu Grundannahmen. Die Erfahrungen können darin bestehen, dass unsere Grundbedürfnisse erfüllt werden und prägen sich dann als positive Grundannahmen ein wie z.B.: „Ich bin gewollt in dieser Welt.“,  „Ich kann mich auf wichtige Bezugspersonen verlassen.“, „Ich bin richtig so, wie ich bin.“, „Ich werde durch das Leben getragen und kann vertrauen.“

Die Erfahrungen können aber auch darin bestehen, dass wichtige Grundbedürfnisse immer wieder auf eine ähnliche Art und Weise frustriert, also nicht erfüllt werden. Eines dieser Grundbedürfnisse ist das Bedürfnis nach Gesehen-Werden, Wertschätzung und Liebe. Wenn dieses Grundbedürfnis immer wieder in Verbindung mit unserer Figur frustriert wird, könnte eine dieser negativen Grundannahmen lauten: „Ich bin hässlich, weil dicke/große/kleine o.a. Menschen immer hässlich sind“. Die Bezugspersonen haben auf irgendeine Art und Weise vermittelt, dass bestimmte Merkmale der betreffenden Person als hässlich zu beurteilen sind und in diesem Zusammenhang das Bedürfnis nach Wertschätzung und Liebe frustriert.
Was ebenfalls häufig passiert, ist, dass eine Bezugsperson, die sich selbst aufgrund irgendeines körperlichen Merkmals als hässlich tituliert, dazu beiträgt, dass das Kind diese Grundannahme entwickelt, auch wenn es selbst davon gar nicht betroffen ist. Ein Beispiel dafür wäre eine schlanke Frau, die davon überzeugt ist, dass Dicksein mit Hässlich-Sein gleichzusetzen ist, weil sie in ihrer Kindheit immer wieder mit Bezugspersonen konfrontiert war, die Dicksein als hässlich eingeordnet haben. 

Zusammenfassend können sich dann zwei problematische Grundannahmen ausbilden:

1. „Ich bin hässlich, weil ich zu dick/zu groß/zu dünn/zu klein… bin.“ bzw. „Ich bin hässlich, wenn ich zu dick/zu groß/zu dünn/zu klein…. bin.“

2. „Wer hässlich ist, ist nichts wert.“

Mit Grundannahmen sind in der Regel Verhaltensmuster und Glaubenssätze (so genanntes „Mindset“) verknüpft, die sich in Folge der prägenden Erfahrungen ausbilden. So sorgen wir alle intuitiv dafür, dass zerbrechliche Gegenstände nicht hinunter fallen oder wir fangen reflexhaft Dinge auf, die sich anschicken, der Schwerkraft folgend, den Boden aufzusuchen, weil wir sie beispielsweise versehentlich umgestoßen haben.

Aus den beiden oben genannten Grundannahmen erwächst dann in der Regel eine sehr schlechte Beziehung zum eigenen Körper und stetige Bemühungen, das eigene Aussehen entweder zu verändern (ständige Diäten, zwanghafter/exzessiver Sport, Operationen), die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper vollständig zu vermeiden (Kleidung lediglich funktional verwenden, nie zum Arzt gehen, ungesunde Ernährung o.ä.) oder sich zu verstecken (nur weite Kleidung, keine Absatzschuhe, nie in die Sauna, sich intensiv schminken o.ä.).

 

Body Positivity

Body-Positivity ist eine Antwort auf die erste Grundannahme und die dazu gehörigen Glaubenssätze. Glaubenssätze, die zu der ersten Grundannahme passen, könnten lauten: „Ich muss mich mehr anstrengen, um abzunehmen“; „Ich darf keine Schuhe mit Absatz tragen, dann falle ich ja noch mehr auf“; „Hautenge Kleidung ist ein No-Go“; „Ich darf mich nicht nackt zeigen.“, „ich muss immer perfekt gestylt sein“ u.a.

Body Positivity“ bedeutet „Dein Körper ist schön, egal ob er dick, dünn, klein, groß, heil oder verletzt ist.“ Mit „Body Positivity“ wird die Lebendigkeit unterschiedlichster Körperformen gefeiert und die natürliche Schönheit eines jeden Körpers mit entsprechenden Mitteln hervor gehoben: besondere Kleidung, Styling, Make-Up, Assecoires, alles Dinge, die herkömmlicherweise mit Models einer ganz bestimmten festgelegten Körperform assoziiert sind, werden ausgiebig genutzt und die individuellen Körper in der Öffentlichkeit sichtbar gemacht.

 

Body Neutrality

Body Neutrality“ ist eine Antwort auf die zweite Grundannahme und dazu gehörige Glaubenssätze wie „ich bin hässlich und wertlos“, „mich wird nie jemand lieben“, „ich bin nutzlos“. Sie besagt: „Dein Körper ist vollkommen irrelevant für Deinen Wert als Person. Du bist ein wertvoller Mensch mit Deinen eigenen Stärken und Talenten, ganz egal, wie Du aussiehst.“

Aus irgendeinem Grund werden diese beiden Konzepte mancherorts als sich gegenseitig ausschließende Konzepte betrachtet und behandelt. Dem möchte ich entschieden widersprechen. Es spricht überhaupt nichts dagegen, der Grundannahme zu folgen „ich bin wertvoll, egal wie ich aussehe“ und gleichzeitig den Fokus auf die Schönhheit des eigenen Körpers zu legen.

Denn jeder Körper hat seine eigene Schönheit. Und ich halte es für förderlich und hilfreich für die eigene mentale und körperliche Gesundheit, sich auf die Suche nach dieser Schönheit zu machen. Denn wir Menschen haben einen tief verankerten Sinn für Schönheit. Schönheit bereichert unser Leben und erfreut unsere Herzen, warum sollten wir uns diese Freude vorenthalten?

Es ergibt nur überhaupt keinen Sinn, sein eigenes Selbstwertgefühl davon abhängig zu machen, ob diese eigene Schönheit im Moment sichtbar oder vorhanden ist. Denn es wird immer Situationen geben, in denen die Schönheit unter ganz viel Schmerz, Traurigkeit, Wut, Müdigkeit oder Gleichgültigkeit begraben liegt. Unser Leben ist alles andere als gleichförmig und dementsprechend geht es auch unseren Körpern. Mal sind wir in unserer Kraft, unsere Schönheit strahlt wie selbstverständlich aus unseren Augen und unserem Lächeln, ein anderes Mal sind wir krank, entmutigt, verärgert oder beschämt, haben nicht die Kraft uns „schön zu machen“ und unsere Schönheit kann sich nicht entfalten. Es wäre fatal, genau dann die Selbstliebe zu vernachlässigen, weil wir denken, wir seien hässlich nichts mehr wert. Nein, genau dann, wenn wir am hässlichsten sind, brauchen wir unsere und die Liebe anderer am dringendsten.

 

Beides gehört zusammen.

Und dennoch lohnt es sich, sich auf die Suche nach unserer ganz eigenen Schönheit zu machen. Denn wir würden sonst so viel verpassen. Welche Freude macht es, einmal die Linien, die die Falten in unsere Haut gezeichnet haben, in Ruhe nachzuvollziehen. Die sich verzweigenden Adern zu betrachten, die blau durch die Haut schimmern. Hautflecken oder -poren anzusehen, wie sie ein Muster auf der Haut ergeben. Das Farbkonzept des Körpers zu betrachten: wie die Haare des Kopfes, der Augenbrauen, der Wimpern und die Haut zueinander passen. Die Kurven des eigenen Körpers mal in Ruhe zu betrachten. Wahrzunehmen, wie unsere Körper so verlässlich und wunderbar jeden Tag für uns da sind, pulsierend, lebendig, unfassbar einzigartig. Zu erkennen, welche Farben und Formen gut zu unserem Gesicht und unserem Körper passen.

Und oft geht es dann genau anders herum: weil wir uns selbst liebevoll in unserer ganzen Hässlichkeit begegnen, kann sich die Schönheit wie eine kleine Knospe entwickeln und wir können ihr zur Entfaltung verhelfen, indem wir sie mit der entsprechenden Kleidung und den passenden Farben unterstreichen.

Also bitte, liebe Internet-Community, unbedingt „Body Positivity“ und „Body Neutrality“ voran treiben und nicht gegeneinander ausspielen!!

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